Werde hell
20. Feb. 10, 02:09
Tag: shortstory, first draft
Die Ziffern seines Digitalweckers leuchteten schwach und ließen sein kleines Gesicht im dunkeln glimmen. Er blinzelte, sah noch etwas verschwommen, konnte dann aber gut genug sehen, um mit der Unterstützung seines vierjährigen Tastsinns die kleine Brille mit Sportbügeln auf dem Nachttisch zu finden. Er setzt sie auf und sah wieder auf den Wecker.
Er wusste dass es mitten in der Nacht war.
Weil es dunkel war.
Weil er die Uhr lesen konnte.
Das konnte er schon seit ein paar Wochen. Seine große Schwester hatte es ihm beigebracht, kurz nach dem sie ihn angeschrien hatte,
kurz nachdem sie ihn an den Ohren gezogen hatte bis es im Kopf leicht geknackt hatte,
kurz nachdem sie ihn aus ihrem Zimmer geschmissen hatte,
kurz danach wurde ihr mit ihren Puppen langweilig, kam in sein Zimmer und hatte es ihm erklärt – wie die Uhr funktioniert. Obwohl er natürlich wusste wie die Uhr funktionierte. Man musste nur zwei von den runden lange Batterien hinten in das Fach stecken und dann ging die Uhr. Wenn man oben auf den Knopf drückte, zeigte sie auch die Sekunden an. Aber das machte ihn nervös. Er musste dann immer auf die Ziffern starren, weil die sich dann ständig änderten und er konnte nicht weggucken. Seine Schwester hatte ihm erklärt wie man die Zeit liest und er war stolz, dass er es verstanden hatte. Er wusste jetzt, dass die Zahlen sagten ob es hell oder dunkel sein musste. Draußen, drinnen gab es ja Licht, dass man einfach mit einem Schalter anmachen konnte. Draußen gab es die Sonne und Nachts gab es den Mond, manchmal. Er konnte ihn von seinem Fenster aus sehen, aber seine Mama machte immer gleich das Fenster wieder zu und sagte, er solle das nicht machen. Den Mond ansehen. Den Mond ansehen ist nämlich nicht gesund. Also sah er den Mond nicht mehr an. Obwohl er das wirklich gern getan hätte. Das Mondlicht war so viel schöner als das der Sonne, weil es auch weniger in den Augen weh tat. Aber es war nicht gesund. Das war nicht gut und deshalb sah er den Mond nicht mehr an – meistens. Manchmal tat er es doch, aber nur kurz. Auch wenn dann sein Herz heftig schlug und er nicht schlafen konnte, weil er Angst davor hatte, sich weh getan zu haben.
Er guckte auf die hellroten Ziffern.
3:26 Uhr.
Da ist es dunkel.
Niemand ist wach.
Er ist da auch nicht wach.
Normalerweise.
Nur jetzt.
Er konnte nicht schlafen.
Als Papa nach dem Mittagessen pinkeln war und Mama ihm den Rücken zugekehrt hatte, hatte er an Papas Tasse genippt. Das war furchtbar bitter, aber dann hatte er noch mal genippt. Und als der Papa zurück kam, war Mama schon einkaufen und da meckerte er, dass sein Kaffee schon wieder kalt war und dass das immer so schnell geht. Er stellte die Tasse neben die Spüle und verschwand dann für seinen Mittagsschlaf im Schlafzimmer. Da hatte er noch einmal einen großen Schluck genommen. Der Papa hat das nicht gemerkt, weil er wohl gedacht hat, dass Mama die Tasse weggeschüttet hat und die Mama hat nichts gemerkt, weil sie dachte, dass der Papa die Tasse wohl leergetrunken hat. Obwohl der Kaffee kalt war.
Er schälte sich nun aus dem Bett und ging zum Fenster.
Er zog den schweren Vorhang zurück und sah nach draußen. Es war stockdunkel.
Er hatte ein bisschen gehofft, dass vielleicht der Mond schien. Aber nur eines kleines bisschen. Weil er sich eigentlich nicht weh tun wollte.
Vielleicht nur ein bisschen.
Das war dann nicht so schlimm
und das würde sicher auch niemand merken
und wenn er dann früher sterben würde, würde er einfach behaupten, dass er nicht wisse warum.
Aber der Mond schien nicht.
Es war dunkel und das war doof.
Ein paar Minuten stand er da und starrte vor sich hin. Die Nacht war doof und wenn der Tag jetzt da wäre, dann wäre das besser, weil er ja nicht schlafen konnte und das ist in der Nacht ja ziemlicher Mist. Er schlurfte zurück zu seinem Bett, setzte sich auf die Kante und nahm den Wecker in seine kleinen Hände. Er hatte den Wecker von seiner Schwester bekommen, weil die zu Weihnachten einen neuen bekommen hatte und diesen nun nicht mehr brauchte. Sie meinte, der Wecker sei doof weil er von Tchibo ist. Er fand den Wecker nicht doof. Der Wecker leuchtete im dunkeln und dann war es nicht mehr richtig dunkel und dann musste man auch weniger Angst haben. Wieder sah er zum Fenster, wo er den Vorhang nicht mehr zu gemacht hatte. Er hatte eine Idee.
Mit dem Wecker bewaffnet ging er wieder zum Fenster. Während er sich so gut er konnte auf den Himmel konzentrierte tasteten seine kleinen Finger nach den beiden Knöpfen an der Rückseite des Weckers. Er guckte kurz auf die Ziffern.
3:47 Uhr.
Sein linker Zeigefinger fand den Minus-Knopf.
Sein rechter Zeigefinger fand den Plus-Knopf.
Er drückte einmal auf Plus,
noch einmal.
Er sah auf den Wecker,
3:49 Uhr.
Am Himmel hatte sich nichts geändert. Wieder drückte er auf den Plus-Knopf. Dieses mal ließ er den Finger gedrückt. Die Ziffern begannen flackern. Gebannt starrte er auf die roten Ziffern. Er ließ den Knopf wieder los.
5:13 Uhr.
Wieder konzentrierte er sich auf den Himmel. Er kniff die Augen zusammen und guckte ganz fest. Und da, er konnte Wolken sehen, ganz dunkel, aber sie waren da. Ganz deutlich, er konnte jetzt ihre Umrisse erkennen. Da waren Wolken und dahinter war es gar nicht mehr schwarz. Ganz dunkel blau war es da. Das sah kalt aus.
Es funktionierte.
Sein Herz fing vor Freude an zu zappeln.
Sein Finger fummelte wieder nach dem Plus-Knopf. Jetzt würde er es hell machen.
Da erstarrte er.
Was hatte er da gehört?
Die Tür des Schlafzimmers seiner Eltern knarzte. Fix flitzte er zurück ins Bett, stellte den Wecker zurück und zog die Decke bis zur Nase.
Er konnte kaum atmen. Hoffentlich hatte er nicht seine Eltern aufgeweckt. Ohne einen Mucks von sich zu geben blieb er ganz ruhig. Als ihn am nächsten morgen seine Mutter weckte, bemerkte sie seine kleinen Augenringe nicht, auch nicht, dass der Wecker nicht die richtige Zeit anzeigte. Sie fragte sich nur, warum er beim Zähneputzen fast einschlief.
Er wusste dass es mitten in der Nacht war.
Weil es dunkel war.
Weil er die Uhr lesen konnte.
Das konnte er schon seit ein paar Wochen. Seine große Schwester hatte es ihm beigebracht, kurz nach dem sie ihn angeschrien hatte,
kurz nachdem sie ihn an den Ohren gezogen hatte bis es im Kopf leicht geknackt hatte,
kurz nachdem sie ihn aus ihrem Zimmer geschmissen hatte,
kurz danach wurde ihr mit ihren Puppen langweilig, kam in sein Zimmer und hatte es ihm erklärt – wie die Uhr funktioniert. Obwohl er natürlich wusste wie die Uhr funktionierte. Man musste nur zwei von den runden lange Batterien hinten in das Fach stecken und dann ging die Uhr. Wenn man oben auf den Knopf drückte, zeigte sie auch die Sekunden an. Aber das machte ihn nervös. Er musste dann immer auf die Ziffern starren, weil die sich dann ständig änderten und er konnte nicht weggucken. Seine Schwester hatte ihm erklärt wie man die Zeit liest und er war stolz, dass er es verstanden hatte. Er wusste jetzt, dass die Zahlen sagten ob es hell oder dunkel sein musste. Draußen, drinnen gab es ja Licht, dass man einfach mit einem Schalter anmachen konnte. Draußen gab es die Sonne und Nachts gab es den Mond, manchmal. Er konnte ihn von seinem Fenster aus sehen, aber seine Mama machte immer gleich das Fenster wieder zu und sagte, er solle das nicht machen. Den Mond ansehen. Den Mond ansehen ist nämlich nicht gesund. Also sah er den Mond nicht mehr an. Obwohl er das wirklich gern getan hätte. Das Mondlicht war so viel schöner als das der Sonne, weil es auch weniger in den Augen weh tat. Aber es war nicht gesund. Das war nicht gut und deshalb sah er den Mond nicht mehr an – meistens. Manchmal tat er es doch, aber nur kurz. Auch wenn dann sein Herz heftig schlug und er nicht schlafen konnte, weil er Angst davor hatte, sich weh getan zu haben.
Er guckte auf die hellroten Ziffern.
3:26 Uhr.
Da ist es dunkel.
Niemand ist wach.
Er ist da auch nicht wach.
Normalerweise.
Nur jetzt.
Er konnte nicht schlafen.
Als Papa nach dem Mittagessen pinkeln war und Mama ihm den Rücken zugekehrt hatte, hatte er an Papas Tasse genippt. Das war furchtbar bitter, aber dann hatte er noch mal genippt. Und als der Papa zurück kam, war Mama schon einkaufen und da meckerte er, dass sein Kaffee schon wieder kalt war und dass das immer so schnell geht. Er stellte die Tasse neben die Spüle und verschwand dann für seinen Mittagsschlaf im Schlafzimmer. Da hatte er noch einmal einen großen Schluck genommen. Der Papa hat das nicht gemerkt, weil er wohl gedacht hat, dass Mama die Tasse weggeschüttet hat und die Mama hat nichts gemerkt, weil sie dachte, dass der Papa die Tasse wohl leergetrunken hat. Obwohl der Kaffee kalt war.
Er schälte sich nun aus dem Bett und ging zum Fenster.
Er zog den schweren Vorhang zurück und sah nach draußen. Es war stockdunkel.
Er hatte ein bisschen gehofft, dass vielleicht der Mond schien. Aber nur eines kleines bisschen. Weil er sich eigentlich nicht weh tun wollte.
Vielleicht nur ein bisschen.
Das war dann nicht so schlimm
und das würde sicher auch niemand merken
und wenn er dann früher sterben würde, würde er einfach behaupten, dass er nicht wisse warum.
Aber der Mond schien nicht.
Es war dunkel und das war doof.
Ein paar Minuten stand er da und starrte vor sich hin. Die Nacht war doof und wenn der Tag jetzt da wäre, dann wäre das besser, weil er ja nicht schlafen konnte und das ist in der Nacht ja ziemlicher Mist. Er schlurfte zurück zu seinem Bett, setzte sich auf die Kante und nahm den Wecker in seine kleinen Hände. Er hatte den Wecker von seiner Schwester bekommen, weil die zu Weihnachten einen neuen bekommen hatte und diesen nun nicht mehr brauchte. Sie meinte, der Wecker sei doof weil er von Tchibo ist. Er fand den Wecker nicht doof. Der Wecker leuchtete im dunkeln und dann war es nicht mehr richtig dunkel und dann musste man auch weniger Angst haben. Wieder sah er zum Fenster, wo er den Vorhang nicht mehr zu gemacht hatte. Er hatte eine Idee.
Mit dem Wecker bewaffnet ging er wieder zum Fenster. Während er sich so gut er konnte auf den Himmel konzentrierte tasteten seine kleinen Finger nach den beiden Knöpfen an der Rückseite des Weckers. Er guckte kurz auf die Ziffern.
3:47 Uhr.
Sein linker Zeigefinger fand den Minus-Knopf.
Sein rechter Zeigefinger fand den Plus-Knopf.
Er drückte einmal auf Plus,
noch einmal.
Er sah auf den Wecker,
3:49 Uhr.
Am Himmel hatte sich nichts geändert. Wieder drückte er auf den Plus-Knopf. Dieses mal ließ er den Finger gedrückt. Die Ziffern begannen flackern. Gebannt starrte er auf die roten Ziffern. Er ließ den Knopf wieder los.
5:13 Uhr.
Wieder konzentrierte er sich auf den Himmel. Er kniff die Augen zusammen und guckte ganz fest. Und da, er konnte Wolken sehen, ganz dunkel, aber sie waren da. Ganz deutlich, er konnte jetzt ihre Umrisse erkennen. Da waren Wolken und dahinter war es gar nicht mehr schwarz. Ganz dunkel blau war es da. Das sah kalt aus.
Es funktionierte.
Sein Herz fing vor Freude an zu zappeln.
Sein Finger fummelte wieder nach dem Plus-Knopf. Jetzt würde er es hell machen.
Da erstarrte er.
Was hatte er da gehört?
Die Tür des Schlafzimmers seiner Eltern knarzte. Fix flitzte er zurück ins Bett, stellte den Wecker zurück und zog die Decke bis zur Nase.
Er konnte kaum atmen. Hoffentlich hatte er nicht seine Eltern aufgeweckt. Ohne einen Mucks von sich zu geben blieb er ganz ruhig. Als ihn am nächsten morgen seine Mutter weckte, bemerkte sie seine kleinen Augenringe nicht, auch nicht, dass der Wecker nicht die richtige Zeit anzeigte. Sie fragte sich nur, warum er beim Zähneputzen fast einschlief.
