Werde hell

Die Ziffern seines Digitalweckers leuchteten schwach und ließen sein kleines Gesicht im dunkeln glimmen. Er blinzelte, sah noch etwas verschwommen, konnte dann aber gut genug sehen, um mit der Unterstützung seines vierjährigen Tastsinns die kleine Brille mit Sportbügeln auf dem Nachttisch zu finden. Er setzt sie auf und sah wieder auf den Wecker.
Er wusste dass es mitten in der Nacht war.
Weil es dunkel war.
Weil er die Uhr lesen konnte.
Das konnte er schon seit ein paar Wochen. Seine große Schwester hatte es ihm beigebracht, kurz nach dem sie ihn angeschrien hatte,
kurz nachdem sie ihn an den Ohren gezogen hatte bis es im Kopf leicht geknackt hatte,
kurz nachdem sie ihn aus ihrem Zimmer geschmissen hatte,
kurz danach wurde ihr mit ihren Puppen langweilig, kam in sein Zimmer und hatte es ihm erklärt – wie die Uhr funktioniert. Obwohl er natürlich wusste wie die Uhr funktionierte. Man musste nur zwei von den runden lange Batterien hinten in das Fach stecken und dann ging die Uhr. Wenn man oben auf den Knopf drückte, zeigte sie auch die Sekunden an. Aber das machte ihn nervös. Er musste dann immer auf die Ziffern starren, weil die sich dann ständig änderten und er konnte nicht weggucken. Seine Schwester hatte ihm erklärt wie man die Zeit liest und er war stolz, dass er es verstanden hatte. Er wusste jetzt, dass die Zahlen sagten ob es hell oder dunkel sein musste. Draußen, drinnen gab es ja Licht, dass man einfach mit einem Schalter anmachen konnte. Draußen gab es die Sonne und Nachts gab es den Mond, manchmal. Er konnte ihn von seinem Fenster aus sehen, aber seine Mama machte immer gleich das Fenster wieder zu und sagte, er solle das nicht machen. Den Mond ansehen. Den Mond ansehen ist nämlich nicht gesund. Also sah er den Mond nicht mehr an. Obwohl er das wirklich gern getan hätte. Das Mondlicht war so viel schöner als das der Sonne, weil es auch weniger in den Augen weh tat. Aber es war nicht gesund. Das war nicht gut und deshalb sah er den Mond nicht mehr an – meistens. Manchmal tat er es doch, aber nur kurz. Auch wenn dann sein Herz heftig schlug und er nicht schlafen konnte, weil er Angst davor hatte, sich weh getan zu haben.

Er guckte auf die hellroten Ziffern.
3:26 Uhr.
Da ist es dunkel.
Niemand ist wach.
Er ist da auch nicht wach.
Normalerweise.
Nur jetzt.
Er konnte nicht schlafen.

Als Papa nach dem Mittagessen pinkeln war und Mama ihm den Rücken zugekehrt hatte, hatte er an Papas Tasse genippt. Das war furchtbar bitter, aber dann hatte er noch mal genippt. Und als der Papa zurück kam, war Mama schon einkaufen und da meckerte er, dass sein Kaffee schon wieder kalt war und dass das immer so schnell geht. Er stellte die Tasse neben die Spüle und verschwand dann für seinen Mittagsschlaf im Schlafzimmer. Da hatte er noch einmal einen großen Schluck genommen. Der Papa hat das nicht gemerkt, weil er wohl gedacht hat, dass Mama die Tasse weggeschüttet hat und die Mama hat nichts gemerkt, weil sie dachte, dass der Papa die Tasse wohl leergetrunken hat. Obwohl der Kaffee kalt war.

Er schälte sich nun aus dem Bett und ging zum Fenster.
Er zog den schweren Vorhang zurück und sah nach draußen. Es war stockdunkel.

Er hatte ein bisschen gehofft, dass vielleicht der Mond schien. Aber nur eines kleines bisschen. Weil er sich eigentlich nicht weh tun wollte.
Vielleicht nur ein bisschen.
Das war dann nicht so schlimm
und das würde sicher auch niemand merken
und wenn er dann früher sterben würde, würde er einfach behaupten, dass er nicht wisse warum.

Aber der Mond schien nicht.
Es war dunkel und das war doof.

Ein paar Minuten stand er da und starrte vor sich hin. Die Nacht war doof und wenn der Tag jetzt da wäre, dann wäre das besser, weil er ja nicht schlafen konnte und das ist in der Nacht ja ziemlicher Mist. Er schlurfte zurück zu seinem Bett, setzte sich auf die Kante und nahm den Wecker in seine kleinen Hände. Er hatte den Wecker von seiner Schwester bekommen, weil die zu Weihnachten einen neuen bekommen hatte und diesen nun nicht mehr brauchte. Sie meinte, der Wecker sei doof weil er von Tchibo ist. Er fand den Wecker nicht doof. Der Wecker leuchtete im dunkeln und dann war es nicht mehr richtig dunkel und dann musste man auch weniger Angst haben. Wieder sah er zum Fenster, wo er den Vorhang nicht mehr zu gemacht hatte. Er hatte eine Idee.

Mit dem Wecker bewaffnet ging er wieder zum Fenster. Während er sich so gut er konnte auf den Himmel konzentrierte tasteten seine kleinen Finger nach den beiden Knöpfen an der Rückseite des Weckers. Er guckte kurz auf die Ziffern.
3:47 Uhr.
Sein linker Zeigefinger fand den Minus-Knopf.
Sein rechter Zeigefinger fand den Plus-Knopf.
Er drückte einmal auf Plus,
noch einmal.
Er sah auf den Wecker,
3:49 Uhr.

Am Himmel hatte sich nichts geändert. Wieder drückte er auf den Plus-Knopf. Dieses mal ließ er den Finger gedrückt. Die Ziffern begannen flackern. Gebannt starrte er auf die roten Ziffern. Er ließ den Knopf wieder los.
5:13 Uhr.

Wieder konzentrierte er sich auf den Himmel. Er kniff die Augen zusammen und guckte ganz fest. Und da, er konnte Wolken sehen, ganz dunkel, aber sie waren da. Ganz deutlich, er konnte jetzt ihre Umrisse erkennen. Da waren Wolken und dahinter war es gar nicht mehr schwarz. Ganz dunkel blau war es da. Das sah kalt aus.
Es funktionierte.
Sein Herz fing vor Freude an zu zappeln.
Sein Finger fummelte wieder nach dem Plus-Knopf. Jetzt würde er es hell machen.
Da erstarrte er.
Was hatte er da gehört?

Die Tür des Schlafzimmers seiner Eltern knarzte. Fix flitzte er zurück ins Bett, stellte den Wecker zurück und zog die Decke bis zur Nase.
Er konnte kaum atmen. Hoffentlich hatte er nicht seine Eltern aufgeweckt. Ohne einen Mucks von sich zu geben blieb er ganz ruhig. Als ihn am nächsten morgen seine Mutter weckte, bemerkte sie seine kleinen Augenringe nicht, auch nicht, dass der Wecker nicht die richtige Zeit anzeigte. Sie fragte sich nur, warum er beim Zähneputzen fast einschlief.

Ruhe im Gericht

Ehrfürchtig wanderte sein Blick entlang des Bücherregals von links nach rechts. Das Regal verdeckte die eine Seite des Zimmers vollständig, vom Boden bis unter die Decke gefüllt mit Büchern, Ordnern. Da standen Lexika, juristische Nachschlagewerke etc. Auf seinem Schreibtisch lag das deutsche Strafgesetzbuch. Er schlug den ersten Paragraphen auf:

Keine Strafe ohne Gesetz.

Eine Tat kann nur bestraft werden, wenn die Strafbarkeit gesetzlich bestimmt war, bevor die Tat begangen wurde.


Nachdenklich strich er über das raue Papier. Kaum Reibung. Seine Hände waren zu trocken, waren rissig. Trotz der grellen Scheinwerfer und der fast unerträglichen Hitze, unter seiner schwarzen Richterrobe sammelte sich sein Schweiß. Er blätterte weiter bis Paragraph 70:

Anordnung des Berufverbots.
Absatz eins.

Wird jemand wegen einer rechtswidrigen Tat, die er unter Missbrauch seines Berufs oder Gewerbes oder unter grober Verletzung der mit ihnen verbundenen Pflichten begangen hat, verurteilt oder nur deshalb nicht verurteilt, weil seine Schuldunfähigkeit erwiesen oder nicht auszuschließen ist, so kann ihm das Gericht die Ausübung des Berufs, Berufszweiges, Gewerbes oder Gewerbezweiges für die Dauer von einem Jahr bis zu fünf Jahren verbieten, wenn die Gesamtwürdigung des Täters und der Tat die Gefahr erkennen lässt, dass er bei weiterer Ausübung des Berufs, Berufszweiges, Gewerbes oder Gewerbezweiges erhebliche rechtswidrige Taten der bezeichneten Art begehen wird.


Er versuchte sich, auf die einzelnen Aspekte des Paragraphen zu konzentrieren, aber sein Blick tanzte zwischen den Zeilen hin und her, hin und her. Die Satzteile, Worte, Begriffe verschwammen und ihm dämmerte, dass er davon nichts mehr verstand. Er blätterte weiter, überflog ein paar Absätze ohne sie zu lesen, oder sich an etwas zu erinnern. Langsam wurden seine Gedanken spärlicher, karger, bis er nichts mehr dachte, nur noch auf die Buchstaben starrte und stur weiter blätterte. Er sah wieder zum Regal auf. Vielleicht hätte er ja Lust etwas nachzuschlagen, wenn die Buchrücken nicht nur aus Pappe wären, oder nur unbedrucktes Papier. Die drei Wände der Kulisse waren senffarben gestrichen. Er lehnte sich zurück und sah aus dem Fenster. Die unscharfe Fototapete dahinter bewegte sich sanft hin und her, hin und her. Jemand musste eine Tür offen gelassen haben. Als er das Räuspern hinter sich bemerkte zuckte er zusammen. Er hatte gehofft, dass ihn in der Richterzimmerkulisse niemand finden würde. Es war die Maskenbildnerin. Er nickte, lehnte sich zurück und schloss die Augen, während sie sein Gesicht bearbeitete. Er dachte darüber nach sie zu fragen, ob sie eine Handcreme für ihn hatte, oder ob sie vielleicht Lust hätte, nach der Aufzeichnung mit ihm zu ficken. Als sie mit der Prozedur fertig war, packte sie ihre Sachen und verschwand hinter einer Pappwand. Er hätte sie fragen sollen, seine Hände waren wirklich trocken. Stöhnend schälte er sich aus dem Bürostuhl und ging in den Gerichtssaal. Er nahm auf seinem Richterstuhl platz und versuchte wieder an nichts zu denken. Ohne Gesetzesvorlage fiel ihm das schwer. Der Regisseur redete derweil auf zwei Laien ein, die später in der ersten Aufzeichnung ein intrigantes Pärchen spielen sollten. Warum der Regisseur das tat war ihm schleierhaft. Die beiden würden eh, wie jeder andere Laie den er kannte oder jemals gesehen hatte, Schauspiel mit Lautstärke verwechseln und sich unentwegt anbrüllen. Zu schade, dass er nicht die Todesstrafe für akustische Vergewaltigung verhängen durfte. Er durfte nichts, außer zum Ende jeder Aufzeichnung einen Aphorismus oder sonst eine blöde Metapher zum Besten geben, die der ambitionierte Praktikant, jeden Vorabend zu hause aus dem Internet abgeschrieben hatte. Der glaubte er würde die Qualität der Sendung steigern oder vielleicht einen Preis bekommen. Zumindest hatte er den Mut die Maskenbildnerin zu fragen ob sie mit ihm ficken würde. Während er darüber sinnierte ob es die Maskenbildnerin wohl mit dem Praktikanten getrieben hatte, machte sich das Team für die Aufnahme bereit.

Das Studio war voller Statisten und Laien. Sie hatten bereits sieben Fälle gedreht. Der Regisseur stand mit rotem Kopf beim Kameramann und redete auf ihn ein. Alle redeten durcheinander. Er wollte nicht mehr reden. Er versuchte sich den Dialog zwischen den beiden vorzustellen. Ihm wollte aber nichts einfallen. Was sollte man hier reden? Er nahm sich eine Flasche Wasser aus dem Kasten neben der Verpflegung und leerte sie in einem Zug. Er hatte das Gefühl zu vertrocknen. Die Hitze der Scheinwerfer peitschte jeden Tropfen Flüssigkeit den er zu sich nahm durch seine Poren wieder nach draußen. Wo war die Maskenbildnerin? Sein Schweiß sammelte sich langsam in seiner Arschfalte und seine Unterhose fühlte sich an, als hätte er sich eingepisst. Wie konnte er nur so schwitzen? Er sah die Maskenbildnerin wie sie den Angeklagten den Glanz von der Schweinenase tupfte und stellte sich vor, wie sie ihm den Schweiß aus der Ritze tupfen würde. Er versuchte den Gedanken abzuschütteln, als sie auf ihn zukam und sich lächelnd über seine nasse Stirn beugte. Sein Blick konnte sich fast bis zu ihrem Nabel durchkämpfen. Jetzt hatte er wirklich Lust sich einen abzuschütteln. In dem Moment klatschte der Regisseur in die Hände und forderte das Team auf sich wieder auf seinen Platz zu bewegen. Der Regisseur versprach, nur noch drei Fälle abdrehen zu wollen. Er setzte sich wieder auf seinen Richterstuhl. Vor ihm lag wieder das Strafgesetzbuch. Er schlug Paragraph 216 auf:

Tötung auf Verlangen.

Ist jemand durch das ausdrückliche und ernstliche Verlangen des Getöteten zur Tötung bestimmt worden, so ist auf Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren zu erkennen. Der Versuch ist strafbar.


Ermutigt schlug er das Buch zu. Es konnte weitergehen. Die Aussicht auf ein Feierabendbierchen und ein Blaskonzert von einer der hübscheren Laien, ließen die Zeit dahinfließen wie den Schweiß an den Innenseiten seiner haarigen Schenkel.

Zehn Fälle an einem Tag waren nicht schlecht. Nur noch zwei, dann hatten sie es geschafft. Er sah auf die Karteikarten mit den abschließenden Worten, die ihm der Praktikant vor dem Dreh in die Hand gedrückt hatte. Acht davon waren schon gebraucht und es waren nur noch zwei übrig. Er versuchte sich die Zeilen zu merken, konnte es aber nicht. Er war müde. Als der erste Satz dran war, schielte er mit einem Auge auf die Karte und las mechanisch ab. Was soll’s dachte er sich. Hierfür reicht es. In einer Sackgasse brauchte man kein Navigationsgerät das einem sagte man solle wenden.

Am Ende des letzten Falls schob er die letzte Karte beiseite, sah in die Kamera, auf den Angeklagten und fügte hinzu:
“Das Leben verurteilt uns alle zum Tod, nur ich darf das nicht.”
“Das... darf er nicht.” stotterte der Praktikant und die Maskenbildnerin die daneben stand rollte mit den Augen.
“Danke, und Schluss für heute,” sagte der Regisseur.

Die Lebenslüge Abflusssieb.

Sie wird nicht mehr wieder kommen. Auf keinen Fall.
Sie hat es gesagt.
Sie hat es wiederholt.
Bei jedem Anruf der ein Monat lang täglich bei ihr einging. Ich wollte nur sicher gehen.
Wollte nur fragen.

Sie hat es sich nicht anders überlegt. Es scheint sie hat sich diesen Schritt sehr gut überlegt. Das war kein Affekt und es war kein Fehler – aus ihrer Sicht. Sie hat sich entschieden und sie hat es mir gesagt.
Direkt ins Gesicht.
Ohne Zweifel.

Also war es vorbei. Der Zustand der für Jahre ein sicherer Rückhalt war, für mich, war weg, war nicht mehr alltäglich. War es für sie ein Rückhalt? Sie sagt, es hat sie zurück gehalten. Kann ich das? Könnte ich es, ich hätte es getan, sie zurückhalten.
Nichts konnte sie halten.
Nichts ist alles,
alles was ich nicht bieten kann.
So klingt das.
So vernichtend.

Das ist es tatsächlich.

Allein sein kotzt mich an. Und allein sein hat sie auch immer angekotzt. Die Decken der Wohnungen in denen wir uns stritten vielen auf ihren Kopf wenn immer sie allein war. Ich hab es geschafft. Ich hab die Spitze erklommen. Ich bin auf der Kotzskala einsame Spitze, das ist ausgesprochen deutlich aus ihr herausgebrochen. Dann ist sie gegangen. Und wer weiß, vielleicht bin ich nicht einmal mehr auf ihrer Kotzskala spitze. Sie hat womöglich mittlerweile etwas oder jemand anderes gefunden, den sie noch viel mehr zum kotzen findet. Vielleicht verlässt sie gerade den. Es ist soviel Zeit vergangen. Wer weiß das schon?

Wir hatten gerade die neue Wohnung bezogen, schöner Neubau, nur nicht so schön wie die Wohnung davor, aber leichter zu bezahlen. Alles sollte sich ändern und wir wollten etwas mehr Spielraum für uns haben. Weniger Druck auf dem Kessel. Eine billige Wohnung. Nur die Wände waren dünn und die Nachbarn promisk und bekifft. Es stank im Flur, es stank im Aufzug. Trotz dem, die Wohnung war ein kleines Nest – zumindest für mich. Und wir waren uns einig gegen die Unwägbarkeiten des Umfelds, die Wohnung zu unserer Wohnung zu machen. Dazu gehörten Abflusssiebe.

Abflusssiebe haben die wichtige Aufgabe, Haare am Abfließen zu hindern. Bedeutet, nie umweltschädlichen Abflussreiniger kaufen zu müssen, weil sich nie ein Haarpfropfen bilden kann, der den Abfluss hindert. Oder in der Spüle, mit einem Abflusssieb können sich nun die kleinen aufgeschwemmten glibschigen Essensreste sammeln und zusammen glücklich in den Müll fliegen. Auch hier, keine Abflussverstopfung die den Horizont verdunkeln kann. Ein kleines bisschen Glückseligkeit aus Metall.
Wenn man nicht allein beim Gedanken, den Glibberklumpen in den Müll zu verfrachten Herpes bekommen würde.
Sie trug deshalb beim Saubermachen Gummihandschuhe.
Die richtige Wahl.
Wenn man nicht allein beim Gedanken einen gelben Gummihandschuh anziehen zu müssen Herpes bekommen würde. (Das hat tiefenpsychologische Gründe, die mir hoffentlich nie in vollem Umfang klar sein werden.)
Allein deshalb hasse ich diese Siebe, obwohl mir natürlich ihr reiner Nutzen bewusst ist.
Dagegen gibt es kein Argument. Es spricht einfach nichts gegen einen Abflusssieb.

Sie hat sie gekauft,
sie hat sie platziert.

Aber das ist nicht das Ende der Geschichte. Das Wasser fließt langsamer ab. Es dauert einfach viel zu lang, um vor der Spüle zu stehen und zu beobachten, wie das Wasser den restlichen Schaum, das Fett, die Krümel, den Dreck hinabzieht. Man zieht den Stöpsel, positioniert das Sieb und was passiert? Das Sieb verhindert das kleine Wunder des Wirbels, der sich am Abfluss bildet, wenn das Wasser sich mit all dem was vom Mahl übrig geblieben ist hinabstürzt. Mit einem Sieb ist es nur zähes Versickern und der Müll bleibt hängen. Und erst der Schaum, der bleibt auch zurück, dreckig vom Fett. Dann muss man Wasser nachlassen und mit festem sauberen Strahl den Schaum zerschlagen und dann, ..., fließt es wieder nicht richtig ab und der Glibberklumpen verteilt sich wieder in der Spüle, liegt zerschmettert hier und da und man muss wieder Wasser nachlassen. Diesmal gezielt, kontrolliert um die Glibberpartikel wieder zusammen zutreiben, ihn ihr Siebgatter. IIhhaaa wilder Hengst, halte dich im Zaum, ein Glibberboy bin ich.
Nicht auszuhalten,
unmöglich.

Also hatte ich mir angewöhnt, das Sieb unauffällig beiseite zu legen. Immer gewahr dass sie es nicht sieht. Mein kleines düsteres Geheimnis. Ja, irgendwann wird er verstopfen, der Abfluss und dann muss die Chemiekeule ran. Aber Konsequenzen waren mir egal. Ich musste den Wirbel sehen – den Abfluss.

Jetzt bin ich allein. Nichts in der Wohnung erinnert mehr an sie. Sie hat alles mitgenommen. Sogar die Selbstachtung, die sie mir, wahrscheinlich unabsichtlich, beigebracht hatte ist weg.
Nur ich bin hier
und das Sieb ist die letzte Erinnerung. Und auch wenn ich mich nicht mehr kümmern muss, ob ich beobachtet werde, huscht mir dann und wann ein vorsichtiger Blick aus den Augen, wenn ich das Sieb unauffällig beiseite lege, damit das Wasser mich ebenfalls zügig verlassen kann. Das ist, was ich jeden Tag mache.
Und es ist scheißegal was ich bin,
scheißegal was ich weiß,
das Sieb kotzt mich an – wegschmeißen kann ich es trotzdem nicht.